Dienstag, 29.09.2020 21:49 Uhr

Mit der Zeit gehen

Verantwortlicher Autor: MaM Stuttgart, 03.05.2020, 19:35 Uhr
Presse-Ressort von: Marco Munding Bericht 7632x gelesen
High-voltage-death-for-motorsports
High-voltage-death-for-motorsports  Bild: D. Tolokonov

Stuttgart [ENA] „Mit der Zeit gehen“ ist das Schlagwort im Motorsport. Rennsport mit Verbrennungsmotoren. Altmodisch nennen es die einen. Der einzig wahre Motorsport die anderen. Die Motorsportwelt ist auf den ersten Blick gespalten. Doch ist sie das wirklich? Und muss es zwangsläufig eine Spaltung geben?

Man muss mit der Zeit gehen – sagte vor einigen Tagen ein ehemaliger Werksfahrer aus der DTM in einem Interview. Das war so zu verstehen, dass er sich für Rennen mit reinen Elektromotoren ausspricht. Da er in einer solchen Serie einen Fahrervertrag hat nicht verwunderlich. Wer sägt schon auf dem Ast auf dem er sitzt, vor allem am Ende der Zielgeraden der eigenen Karriere. Sind es also oft Lippenbekenntnisse, geboren aus dem reinen Eigennutz, die Experten von sich geben oder findet tatsächlich selbst bei den Akteuren ein Umdenken statt?

Fest steht, dass die Motorsportszene in einer Identitätskrise gefangen ist. Befeuert durch politische Vorgaben und von der Verbrennungsmotorenfraktion bezeichnete Judasse, die gegen Ihre innere Überzeugung plötzlich den Sport, von dem Sie viele Jahre gelebt haben in ein falsches Licht rücken um „up to date“ zu sein oder um die letzten Chancen der endlichen Karriere zu nutzen. Unglaubwürdig und beschämend. Die Glaubenssätze über Bord geworfen zum eigenen Vorteil und nicht aus Überzeugung.

Der Ausstieg von Audi zeigt allerdings, welche Risikobereitschaft auch in den Führungsetagen der deutschen Automobilhersteller vorherrscht. Gerade Audi die in den 60er und 70er Jahren ein massives Imageproblem hatten und sich nicht zuletzt durch die Plattformen der Motorsportszene aus dieser Misere freifahren konnten. Audi steht für erfolgreichen Motorsport. Nun setzt Audi alles auf die Karte der Elektromobilität – riskant. Zumal das Konzept des Elektrorennsports eine andere Zielgruppe anspricht. Der „echte“ und dauerhafte Motorsportfan möchte das Flair, den Sound und die Atmosphäre der „richtigen“ Rennfahrzeuge. Er weiß, welcher Fahrer bei welchem Team fährt, ist zumeist informiert über die Historie der Teams und Fahrer.

Die Akzeptanz und das Interesse der Fans, mit einer Affinität zum Automobil bzw. des konventionellen Motorsports, ist für E-Rennserien kaum vorhanden. Der Zuschauer der E-Serien kommt da eher zufällig vorbeigeschlappt, da das Rennen um die Ecke stattfindet. Wer bei welchem Team fährt, ist für den Familienausflug eher nebensächlich und die Zuckerwattemaschine ist lauter als die Rennautos auf der Strecke. Die Emotionen werden bei den Elektroserien nicht geweckt – eher die Totengräber der gewachsenen Rennserien von und mit denen die Automobilhersteller über viele Jahre gut gelebt haben.

Die Gesamtentwicklung des Marktes spricht immer noch gegen das Elektroauto, zumindest ist nicht absehbar, dass die Vorherrschaft der Verbrennungsmotoren in naher Zukunft gestoppt wird. Auch weil die Ingenieure den Verbrennungsmotor über viele Jahre weiterentwickelt haben und es zudem funktionierende alternative Brennstoffe am Markt gibt. Einige Automobilhersteller rennen lieber wie die Lemminge der Diagnose und den Therapieempfehlungen der europäischen Politiker hinterher und, im schlimmsten Fall, samt dem größten Teil der Belegschaft in den Abgrund. Die Politiker mit ihrem hysterischen Aktionismus baden die Folgen nicht aus. Es sind die Firmen samt Angestellten mit ihren Familien.

Die Wende weg vom Verbrennungsmotor mit dem vorgegebenen Takt der Politik ist bei Licht besehen eine Blendung. Aber die Lemminge schweigen und nicken ab, bis zur Selbstvernichtung und nehmen den Motorsport gleich mit. So wie der Verbraucher die politische Marktstimulierung von Subventionen und Steuervergünstigungen mitnimmt, die der Erwerb eines E-Autos mit sich bringt. Vorteilsgewährung oder anderweitige Vergünstigung auf Produkte mögen legitim sein, eine Schlüsselindustrie danach auszurichten erscheint dennoch höchst waghalsig.

Die ökologische und ethische Legitimation und die Vorteile der neuen E-Welle im Motorsport sind, soweit überhaupt vorhanden kaum vorteilhaft, bedient im Vergleich zu den konventionellen Rennserien nur einen kleinen Interessentenkreis und die beanspruchte Moral ist universal und wird allzu häufig gepredigt. Man muss kein Freund des konventionellen Motorsports sein, aber man sollte diesen auch nicht mit aller Gewalt vernichten. Es hat Platz für beides. Die Aufbruchstimmung in der Automobilindustrie sollte nicht das unwürdige Ende des konventionellen Motorsports mit seinen vielen treuen Fans sein.

E-Fahrzeuge haben sicherlich die Legitimation, einen Teil des Marktes für sich in Anspruch zu nehmen, ebenso ist Platz für E-Rennserien, doch eine politisch motivierte Verdrängung des Verbrennungsmotors auf den Straßen und den Rennstrecken vernichtet möglicherweise große Teile eines unserer wichtigsten Industriezweige. Den Motorsport tragen die Verantwortlichen aus Politik und Industrie damit sicher zu Grabe.

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