Dienstag, 29.09.2020 22:03 Uhr

Die Welt der Henker

Verantwortlicher Autor: MaM Stuttgart, 10.03.2020, 16:06 Uhr
Presse-Ressort von: Marco Munding Bericht 5222x gelesen
Die letzten Sekunden
Die letzten Sekunden  Bild: PETA

Stuttgart [ENA] Wir verhalten uns wie Herrenmenschen – nicht im Sinne von Nietsche der die „guten Menschen“ den „schlechten Menschen“ gegenübergestellt hat, sondern gegenüber Schöpfungen, die mit uns diese Welt in Frieden teilen und von uns ohne jeglichen Respekt und Würde ausgebeutet werden.

Die meisten werden nun schon aufhören weiterzulesen. Es ist anstrengend und unangenehm mit dem eigenen Spiegelbild der moralischen Verwahrlosung konfrontiert zu werden. Der Mensch, der sich als stark und überlegen ansieht und hieraus die Legitimation herleitet andere Kreaturen auszubeuten, zu quälen und auf bestialische Weise zu töten. Die Überlegenheit, die als Stärke empfunden wird, wo doch die eigentliche Stärke das Mitgefühl und die Fürsorge für die Tierwelt wäre. Mitgefühl und Fürsorge ersetzt durch Ignoranz, Eigensinn und Rücksichtslosigkeit. Alles Eigenschaften, die jeder von uns grundsätzlich als negativ empfindet und sein eigenes persönliches Naturell hiermit ungern in Verbindung bringt.

Ist es also lediglich die Unwissenheit, welche sich in der Ignoranz verbirgt oder eine vorsätzliche Missachtung des unvorstellbaren Leids, die wir den Nutztieren zufügen? Vorsätzlich deshalb, weil wir wissen, welch schrecklich entwürdigende Tortur wir dem Fleischlieferanten Tier zufügen. Die Quantität und Qualität der Tierausbeutung durch den Menschen ist auf Anhieb aber auch nicht erkennbar. Wie auch. Die tierischen Fleisch- und sonstigen Tierprodukte werden von den Herstellern und der Werbebranche derart schmackhaft verpackt, dass wir beim Kauf der Produkte nicht an vor Schmerzen und Todesangst herausquellenden Augen von Rindern und Schweinen denken und denken wollen.

Das Einkaufserlebnis wäre getrübt, durch an Horrorfilme erinnernde Abläufe in den Vorzeigebetrieben der deutschen Schlachthöfe. An Kälber, die ungeboren durch die Schlachtung der Mutter die letzten Sekunden ihres Lebens auf einer blut- und mit sonstigen Innereien verschmierten Edelstahlrutsche verbringen, auf dem Weg in den Schredder. Die Hölle liegt für diese armen Kreaturen nicht im Jenseits, sondern sie befinden sich mittendrin, vom Menschen gemacht, zum Wohle des Menschen. Dies alles geschieht abseits des Verbrauchers – von uns – damit der Genuss nicht getrübt wird und somit der Konsum floriert.

Wir bringen Mitbewohner dieses Planeten auf bestialische Weise um, Kreaturen wie Schweine, die soziale Einheiten bilden, welche die Intelligenz unserer dreijährigen Kinder haben, die wie wir träumen, gerne spielen, untereinander kommunizieren, ein sehr gutes Erinnerungsvermögen haben und vieles mehr. Wir fühlen uns als wertbestimmend und werteschaffend, wir verleihen den Dingen die Bedeutsamkeit – nach unseren Wertemaßstäben. Wir erschaffen den Begriff Tierschutz, grotesk – die reine Verblendung in Anbetracht des täglichen Leids, den die Nutztiere auf Ihren gepeinigten Seelen und Schultern tragen müssen.

Tierschutz als Alibi für das millionenfache Abschlachten hilfloser Tiere, die wir als Stofftiere unseren Kleinsten als Bettgenosse zum Kuscheln ins warme Bett legen. Mit Namengebung versteht sich, als besten Freund, um die Ängste unserer Kinder beim Einschlafen zu kurieren. Ist es der Überfluss an Macht, der uns auf den Zug der Tierschutzbewegung aufspringen läßt? Aus Mitleid kann es letztendlich nicht sein. Jeder kennt die Vorgänge aber alle sind vermeintlich unwissend. Die Mauern der Schlachthöfe schützen uns vor zu viel Informationen. Die Fangschiffe auf den Meeren sind zu weit weg, als dass wir uns emotional damit auseinandersetzen müssen. Was ein Glück, dass wir es vermeintlich nicht wissen können – oder immer wieder vergessen dürfen.

Wer allerdings Augen und Ohren hat und zudem noch lesen kann, dem wird zum Beispiel die Dramatik der Hummerzubereitung in der dem Gastraum angrenzenden Küche nicht entgangen sein. Am lebendigen Leib zu Tode gebrüht, gesimmert – nach den Darstellungen der Gourmets, schmerzfrei versteht sich. Biologisch zwar völlig ausgeschlossen, trotz allem will sich der Genießer durch wissenschaftliche Erkenntnisse den Appetit nicht verderben lassen. Dass die Politik auch hier versagt, ist keine Überraschung, wirken hier doch ignorante, den ZDF Politbarometer inhalierende Politiker.

Wir werden also weiterhin von unserer Macht, die wir über Tiere haben rücksichtslos Gebrauch machen. Wir werden uns weiterhin in unserer Eigenrechtfertigung laben, dies sei die Normalität. Das war und ist eben so. Würden wir unsere Verfehlungen und Verbrechen an der Tierwelt eingestehen, müssten wir unser Verhalten ändern. Verzicht auf Gewohnheiten, auf Altbewährtes. Gott sei Dank ist der Mensch kreativ. Wir erschufen das Biofleisch, Bioeier und viele andere Marketinggags. Das Biorind oder Bioschwein, das den gleichen Weg in den Schlachthof beschreitet wie seine weniger komfortabel lebenden Artgenossen.

Die gleiche Todesangst, die gleichen Schreie, die gleichen vor Angst hervorquellenden Augen, die gleichen Schmerzen, wenn der Treiber ihnen den Haken (Elektroschocker sind nicht mehr erlaubt) in den Leib rammt, um das zügige Entladen der Lkw´s zu garantieren. Das müssen wir alles nicht sehen, da dies hinter den Mauern der Tötungsanstalten stattfindet. Was wir sehen und sehen wollen, ist die aufgedruckte glückliche Weidekuh und das fröhlich dreinschauende Schweinchen auf den Verpackungen.

Das auf den Eierkartons aufgedruckte Stroh mit glücklichen Hühnern aus der Bodenhaltung suggeriert dem Verbraucher - uns - das glückliche Huhn, welches sich im Stroh werkelt und fröhlich mit seinen Artgenossen sein Dasein fristet. Als große Errungenschaft erwähnenswert findet das Bundesinnenministerium den seit August 2016 in Kraft getretene Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Legehennen (die Schnäbel wurden abgebrannt, damit sich die Hühner aufgrund des Gedränges nicht gegenseitig verletzen). Bis heute weiß kaum ein Konsument, dass dies die gewohnte Vorgehensweise in der Massentierhaltung war.

Der Schnabel ist das wichtigste Werkzeug des Huhns. Er wird nicht nur zum Fressen, sondern auch zum Erkunden und bei der Futtersuche eingesetzt. Der Schnabel ist das Tastorgan des Huhns – gleichzusetzen mit den Fingern unserer Hände. Die männlichen Küken von Legerassen legen naturgemäß keine Eier, sie setzen aber auch kein Fleisch an. Daher werden circa 48 Millionen männliche Eintagsküken als nutzloser Abfall bei lebendigem Leib geschreddert oder finden ihr Ende per Kohlendioxidvergiftung. Dies alles lassen wir zu.

Was heißt denn nun menschlich sein? Meint der allgemeine Sprachgebrauch gütig sein, Nachsicht zeigen, keinesfalls tierisch sein? Erhebt sich der Mensch schon durch diesen Sprachgebrauch über die Tiere, erhebt er sich durch sein Handeln und Machtmissbrauch allemal über alle weiteren Schöpfungen dieser Welt. Wir streiken für 3 % mehr Lohnerhöhung, gegen Benzinpreiserhöhungen, gegen Studiengebühren und vieles mehr. Die „Gelbwesten“ drehen ein ganzes Land auf den Kopf, um monetäre Nachteile, die durch politische Entscheidungen entstanden sind rückgängig zu machen.

Wenn sich so viele Menschen für das Wohlergehen unserer tierischen Mitbewohner und „Partner“ einsetzen würden, könnte die Politik nicht umhin, an den Stellschrauben der Menschlichkeit zu drehen um verlorengegangene Werte zum Leben zu erwecken. Würde uns Menschen zum Beispiel durch die Schaffung einer neuen, dem Menschen überlegenen Spezies das gleiche Schicksal in Form von Massenhaltung, Massenschlachtung, Vergewaltigung/Zwangsschwangerschaften usw. (wie z.B. bei Milchkühen) ereilen, wäre das Entsetzen groß. Kein Mensch würde verstehen wie so abartig grauenvolle Dinge mit seinen Familienangehörigen passieren können. Man würde die neue Spezies als tierisch und aus der Hölle kommend bezeichnen.

Selbst wer dieses Szenario bzw. diesen Vergleich als abwegig einstuft sollte aber zumindest wissen, dass schon der Selbsterhaltungstrieb des Menschen ausreichen sollte auf die Massentierhaltung zu verzichten. Die fünf weltgrößten Fleisch- und Molkereikonzerne sind für mehr Treibhausgas-Emissionen (kurz CO2) verantwortlich als die großen Ölkonzerne. Wächst die Branche so weiter, wird der gesamte Viehbestand bis 2050 etwa 80 Prozent des Treibhausgasbudgets (CO2-Budget) der Erde verbrauchen. Der ungezügelte Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten ist zudem eine wesentliche Ursache für das globale Artensterben.

Die Abholzung von Regenwald für Viehweiden, die Ausscheidungen der „Nutztiere“ sowie der Anbau von Futtermitteln in Monokulturen unter hohem Pestizideinsatz bedrohen viele Tier- und Pflanzenarten und tragen zur Zerstörung vieler Ökosysteme bei. Die industrielle Landwirtschaft zur Produktion von Futtermittel ist heutzutage ein Hauptgrund für das Waldsterben und bedroht darüber hinaus das Überleben der Bienen. Tierische Produkte benötigen verglichen mit der Getreidekost bei der Herstellung bis zur achtfachen Menge an Fläche und Wasser. Dieser Veredelungsprozess wirft über den Anbau von Futtergetreide dann am Ende, in Form von Steaks oder Braten für den Menschen weniger Nährwerte ab, als wenn er das Korn selbst verzehrt.

Dafür opfert die Menschheit die Regelwälder und seine Integrität. Keanu Reeves kommt in dem Film „Der Tag an dem die Erde stillstand“ auf die Erde um diese zu retten, nicht allerdings die Spezies Mensch. Die Erde soll gerettet werden – vor uns, dem Menschen. Vor dessen Verrohung, Arroganz, Gier und zerstörerischem Verhalten. Der Regisseur läßt die Menschheit überleben, in der Hoffnung sie könne dazulernen und sich zum Guten weiterentwickeln. Hoffen wir, dass wir dieser Gnade gerecht werden.

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